Muttis in Berlin

In Berlin sind wir Mütter, Partnerinnen, Freundinnen, haben ein Berufsleben und vieles mehr. Auf dieser #Berlin-Seite haben wir aufgeschrieben, was uns im Alltag so umtreibt und wie wir uns auch hier kleine #Detox-Möglichkeiten schaffen...

Es geht wieder los - Georgien wir kommen (wieder)

Berlin 22/11/2022


„Magst du heute am frühen Abend spontan ein Bier trinken? Ich muss nochmal raus…“, schreibt mir Sandra am Sonntagmittag. Mein Mann nickt das Treffen ab und so bin ich bei Ostwind und Eiseskälte (und natürlich Dunkelheit wie um Mitternacht) um halb sechs in Friedrichshain angelandet.

Die Reiselaune kommt. Wir haben etwas zu feiern. Der Flug für unseren zweiten Georgientrip ist gebucht, ganz frisch, heute. Die Vorfreude schwingt wieder mit, die Abenteuerlust, aber auch ein bisschen Unsicherheit. Man weiß ja nie. Nicht wegen Russland, aber Corona, Krankheiten, nicht zu kalkulierenden Dinge und so. Aber nun überwiegt erstmal die Freude. Es geht wieder los! Nach erster Stärkung in einem asiatischen Tapas Restaurant zieht mich Sandra in „Fitcher’s Vogel“ auf der Warschauer. Ein cooler, schräger, etwas mystischer Ort, wie ich finde. Und natürlich ziehen wir den Altersdurchschnitt nach oben, lach! Das „Rote Rollberg“ hat einen Hauch von Kilkenny Bier und versetzt mich automatisch in Reiselaune und ins Planen.

Was diesmal auf dem Programm steht. Diesmal soll es nach Svanetien gehen. Die Gegend ist DAS Must-see von Georgien und wir haben es bei unserem ersten Trip ausgelassen, auch, weil April wettertechnisch zu unsicher war. Diesmal werden wir etwas später im Jahr unterwegs sein. Ein Grund mehr, nochmal den Lada Niva von Overlando zu buchen und diesmal im Dachzelt zu schlafen. Fliegen werden wir wieder nach Kutaisi, so dass wir uns diesmal auch den ehemaligen Kurort Tskaltubo mit vielen spannenden, verfallenen Monumenten aus der Sowjetzeit anschauen wollen. Außerdem soll es in der Nähe von Kutaisi auch die heißen Quellen von Amaghleba geben – auch ein Ort, den wir beim letzten Mal nicht mehr geschafft haben. Möglicherweise werden wir sogar unsere erste „dangerous road“ über den Zagari-Pass fahren, aber nur, wenn sie befahrbar (trocken) ist – keine Experimente. Ich bin sehr gespannt, was uns in Svanetien, einer Gegend im nordwestlichen Georgien an der Grenze zu Russland, erwartet. Die Region liegt am südlichen Ausläufer des Großen Kaukasus mit Gebirgsketten um die 4.000 bis 5.000 Meter. Es könnte doch etwas kalt im Dachzelt werden, aber wir werden sehen.

Cruisen verboten. Wichtig ist uns, dass wir diesmal weniger lange pro Tag im Auto sitzen und uns mehr bewegen. Dies wird auch längere Aufenthalte pro Ort (zwei bis drei Übernachtungen statt nur eine) voraussetzen, aber dann sind auch endlich wieder Tageswanderungen möglich. Mit dem Auto zum Einkaufen zu fahren oder gar durch den Ort zu cruisen, ist also diesmal verboten. Es gibt auch eine Viertageswanderung von Mestia nach Ushguli („die“ Orte in Svanetien), aber das ist uns dann doch etwas zu heftig. Immerhin hatten wir sowas mal untrainiert vor genau 20 Jahren im Colca Canyon von Peru gemacht und ich wollte allen Ernstes nicht weiterlaufen und abgeholt werden (was natürlich nicht ging).

Es geht also wieder los – ich freue mich auf die Planungen in den nächsten Monaten und erst recht auf unsere Reise im Mai.

Tina

Russische Grenze

Berlin 1/10/2022


Als wir im April in Georgien waren, fuhren wir in den Norden nach Stepanzminda. Es war ein Ritt, nicht zuletzt, weil es noch winterlich und die Straße zeitweise gesperrt war.

Unter einem Himmel vereint. Mich faszinierte damals, dass wir nur zwölf Kilometer von der russischen Grenze entfernt waren, auch wenn mir bewusst war, dass wir nicht einfach rüberkonnten. Auch Grosny – uns bekannt aus dem Tschetschenien-Krieg – liegt nur 160 Kilometer von Stepanzminda entfernt. Ich nahm morgens ein Video mit Blick auf den Berg Kazbegi auf und schloss mit dem Kommentar „So hängt die ganze Welt zusammen“. Was ich meinte, war, dass wir alle unter einem Himmel vereint sind und uns oft näher sind, als wir denken…geografisch, kulturell, wie auch immer. Mitte April dauerte der Krieg zwischen Russland und der Ukraine sechs Wochen, jetzt sind es schon sieben Monate. Jeder einzelne Tag ist zuviel. Aber ich möchte hier nicht politisch werden. Ich muss einfach verarbeiten, was ich in den letzten Tagen im Fernsehen und in den sozialen Medien gesehen habe – und viele von Euch möglicherweise auch. Nach der Teilmobilmachung gibt es kilometerlange Staus am Grenzübergang Verkhnii Lars zwischen Russland und Georgien. Das ist genau die Grenze, von der ich sprach – nur gut zehn Kilometer von Stepanzminda entfernt.

Chaos an den Grenzen. Es ist absolut surreal für mich, dass dort nun soviele Menschen stehen, die vor dem Militäreinzug flüchten. Dass sie das tun, ist für mich nachvollziehbar, klar. Aber es ist genau dort in der Bergwelt des Nirgendwos, wo wir auch waren. Von dort sind es, wenn man gut durchkommt, knapp drei Autostunden nach Tiflis. Dasselbe spielt sich an den Grenzen zu Finnland und Kasachstan ab, nur dass ich mit diesen und ihrer Umgebung nichts verbinde. Gestern Abend hörte ich, dass die Grenze zwischen Georgien und Russland nun so gut wie dicht ist. Ein Einzugsbüro, um die Wehrbescheide direkt auszuhändigen, war schon vorher direkt am Grenzposten eingerichtet worden. Es ist ein Drama.

Tina

Unser erstes Sommerferienlager

Berlin 10/7/2022

Ein Sonntag im Juli. Es ist 10 Uhr, vor dem Cine Motion in Hohenschönhausen fahren zwei Reisebusse vor. Sie werden meinen Sohn mit einer ganzen Horde anderer 7 bis 10- Jähriger ins Karate-Camp an den Ruhlsdorfer See bei Templin bringen. Es ist das erste Ferienlager für uns – ja UNS. Einige Kinder und Eltern stehen hier das erste mal mit ihren 7-Jährigen. Man sieht ihnen an, dass es den Eltern schwerer fällt als den Kindern, die voller Vorfreude in den Bus steigen und dabei häufig das Winken in Richtung der Eltern vergessen.

Münzsprecher aus fernen Zeiten. Sensei Büki – der Karate-Lehrmeister des Vereins – empfiehlt den Müttern tiefes Durchatmen. Das fällt einigen schwer bei den Worten „Es wird keine Anrufe geben, die Handys werden abgegeben und wir melden uns nicht. Wenn etwas ist, werde ich Sie anrufen.“ Seit 20 Jahren gibt er diese Ratschläge. Wahrscheinlich ist es heutzutage aber die einzige Zeit im Jahr, in der die Kinder wie damals ohne mobile Endgeräte oder Smart-Watches die Brandenburger Wildnis entdecken. Den Münz-Fernsprecher auf der Anlage, von dem wir früher die Eltern angerufen haben, erkennen sie vermutlich als solchen nicht mehr. 





Detox für alle. Hach, sie werden älter, die Kleinen! Schon mit sieben Jahren die Chance zu haben, alleine zu verreisen ist eine Freiheit, die ich meinem Sohn geben möchte. Und meine eigene Reisefreude scheint anzustecken. Er war sofort Feuer und Flamme. Ich freue mich also nicht nur auf eine Woche #Muttidetox, sondern bin stolz auf seine Freude an Karate, seinen Mut und ganz besonders freue ich mich über das große Glück, dass er bereits in der ersten Klasse einen besten Freund hat, mit dem er auf Entdeckungsreise gehen kann. Ein bisschen wie bei Tina und mir - wir waren allerdings erst 10 Jahre alt als sich unsere Wege kreuzten.


Der Bus setzt sich in Bewegung, die beiden Jungen-Köpfe sind vertieft in ein Pokémon-Buch, das die Oma gerade noch rechtzeitig in den Briefkasten gesteckt hat. Für Winken ist also keine Zeit. So reisen zwei Leseratten ab, die sonst niemals ein Buch eingepackt hätten, um Platz zu haben für viel wichtigere Dinge wie Karten, Dinos oder Hot-Wheels. 


Eine spannende Woche beginnt. Bei mir mit einem Kaffee in meiner Lieblingsbar. #Muttidetox eben.

Sandra

Sommer, Sonne, IHK

Berlin 28/6/2022

#MuttiDetox heute mal anders - die Muttis sind geschäftlich unterwegs. Ja, wir sind nicht nur Reisende und Mamas, sondern auch Working Women (Business Frauen will ich grad nicht sagen). Es geht zum Sommerfest der IHK Berlin.

Kein Socialising mehr gewohnt.
Mein letztes eigenes Sommerfest (das meiner Arbeit) war 2019 – vor drei Jahren!! Das Wetter war gleich (lauer Sommerabend), aber wir sind damals mit sechs Kollegen und Fahrer in einem Taxi - ausgelegt für vier Personen und Fahrer - übereinandergestapelt von einem Ende Berlins ans andere gefahren, um dann noch bei Gin und Whisky zu versacken. Das wird heute hoffentlich nicht passieren. Ich merke, dass ich lange kein Socialising mehr gemacht habe. Die Visitenkarten habe ich im Büro vergessen und mir ist etwas mulmig zumute. Soviele Leute, soviel Corona…aber auch ein schönes Gefühl, sich mal wieder in die Menge zu stürzen, „mal unter Leute zu kommen“, wie man früher sagte…

Nun bin ich zurück. Das Fest ist für mich zuende. Es war sehr nett…auch die Regierende Bürgermeisterin war da, dazu ein bunter Mix an Leuten – IHKler, Politiker, Unternehmer. Ich war umgeben von aufgeschlossenen Menschen (nette Kollegen hast Du, Sandra) und gutem Essen. Im Hinterkopf bleibt eine kleine Sorge, ob das nicht doch zuviel, zu eng und zu unvorsichtig war, aber erstmal gehe ich mit einem zufriedenen Gefühl schlafen.

Tina

Kurzes Muttidetox im Alltag

Berlin 7/6/2022

Zugegeben, mir fällt es etwas schwer, mich an diesem Abend aufs Rad zu schwingen. Ich bin seit fast drei Wochen erkältet, muss nun Antibiotika nehmen und versinke ein bisschen im Selbstmitleid, als ich die Schwelle von Friedrichshain nach Lichtenberg passiere. Nicht mal ein Radler ist durch die Medikamente an diesem Abend drin, aber das ist ja auch nicht das Maß aller Dinge.

Unser Freund, der Lada Niva. Ich habe es schon einmal gesagt, als ich Sandra beschrieben habe. Ich kann noch so schlecht drauf sein und in merkwürdiger Verfassung bei ihr ankommen, sie holt mich aus dem Tief. Und so ist es auch an diesem Abend. „Alde, schau mal um die Ecke, Du lachst Dich schlapp“, begrüßt sie mich. Was ist denn nun schon wieder passiert?! Ich lunze um die Ecke: Ach, da steht er ja, abfahrbereit. Ein niedlicher Lada Niva mit Berliner Kennzeichen. Er hat einen Koffer und ein Reserverad auf dem Dach und hat nur auf uns gewartet. Ich muss grinsen. Und könnte geradewegs wieder einsteigen. Erstmal was essen, erstmal ankommen, erstmal die letzten drei Wochen Revue passieren lassen. Denn wir haben uns für unsere Verhältnisse lange nicht gesehen. Sandra ist erst vor zwei Stunden von der polnischen Ostsee zurückgekommen, ich war die Woche vorher da. Feiertage und verlängerte Wochenenden sind was Feines.

Die Frage aller Fragen.
Ich stelle Sandra die Frage, die mich seit ein paar Tagen beschäftigt: „Sandy, ich brauche nächstes Jahr schon ein neues Mutti-Detox! Was hälst Du von nochmal Georgien?“ So richtig begeistert ist Sandra nicht. Georgien ist halt doch nicht das neue Irland. Dort waren wir mal in einer Art Triologie Anfang der 2000er Jahre drei Jahre hintereinander. „Nee, besser mal was Neues, Tinsche!“ ist die Antwort. Na gut. Dann doch Jordanien, zumindest als Platzhalter. Es gibt so viele Länder auf der Erde, die ich noch bereisen möchte, aber mit der Mutti-Detox-Zeitspanne ist es gar nicht so einfach. Wir haben nur circa zehn Tage Zeit, wollen nicht im deutschen Sommer verreisen und eigentlich kommt für uns nur ein Direktflug von Berlin aus infrage. Damit scheidet Jordanien eigentlich schon mal aus, aber das lassen wir jetzt mal so stehen. 

Auszeiten bewusst nehmen. Also, falls ihr Ideen habt, immer her damit! Dass alle zehn Minuten die Tram in die eine oder andere Richtung quietschend um die Ecke biegt und wir unser eigenes Wort für drei Sekunden nicht mehr verstehen können, hat etwas fast Meditatives. Es erinnert mich daran, dass es einfach schön und so simpel ist, hier zu sitzen. Nur wir Beide, ohne Anhang, ohne Verpflichtungen. Nichts müssen, nur können. Ach ist das schön. Und es ist – zumindest für mich – so wichtig, diese kleinen Auszeiten immer und immer wieder zu planen und auch zu machen. Auch, wenn sie manchmal nicht in den familiären Zeitplan zu passen scheinen. Und auch, wenn man manchmal keine Lust hat, aufs Rad zu steigen. Auf der Rückfahrt, zur vorgerückten blauen Stunde, erfreue ich mich an den Abendlichtern, dem ruhigen Verkehr, dem Mond und daran, einfach noch draußen sein zu können und nicht auf dem Sofa sitzen geblieben zu sein.

Tina

Luxus Alleinsein


27/05/2022

Radfahren ist Doping für die Seele. Es gibt wenige Orte, an denen ich von jetzt auf gleich in meiner Welt bin. Das regelmäßige Strampeln durch die Natur hat etwas Meditatives.

Pfeifen bei Kilometer 30.
Ein wenig musste ich an meine Kindheit denken, als ich versuchte, diese Begeisterung fürs Rad an meinen Sohn heranzutragen. Früher war es das wandern. In meiner Erinnerung so ein „Erwachsenending“, auf das Kinder nie Lust hatten und bei Kilometer 2 fragen, wann man denn endlich da oder wann es Zeit für Picknick sei. Wahrscheinlich ist es der Lauf des Lebens, dass Eltern versuchen, ihre Kinder für das zu begeistern, was sie gerne machen. Bei mir also das Radfahren. Bis Kilometer 30 höre ich ihn pfeifen, ganz viele Frage stellen. Win Storch landet direkt vor unseren Rädern und begleitet uns ein Stückchen. Es windet, Wolken und Sonne wechseln sich ab. Ich freue mich jede Minute darüber, dass mein Plan aufzugehen scheint und bin stolz auf meinen Sohn.

Es geht nach Brandenburg.
„Nimm dir Essen mit, wir fahrn nach Brandenburg“, in diesem Satz von Rainald Grebe steckt immer noch viel Wahrheit. Meine versprochene Eispause löse ich also erst bei Kilometer 30 in der Fischerstube am Seefelder Haussee ein. Mit neuer Energie geht es dann auf die Brandenburger Allee. Allee und Kornblumenfelder soweit das Auge blicken kann. Schluss mit #Muttidetox. Das Rad fliegt mit Schwung in den Acker, mein Sohn flucht  über den starken Gegenwind, der einen auf ebener Strecke fast zum Stehen bringt. „Morgen fahre ich mit der Bahn zurück nach Berlin“ höre ich es leise zusammen mit dem Mohnfeld rauschen. Ich erinnere mich an Bergwanderungen als Kind, bei denen ich mich nach dem Kaiserschmarren auf der Hütte weigerte, den weiteren Weg aufzunehmen und schmunzelte. 10 weitere Kilometer bis zum Ziel können sich ziehen. Als endlich endlich das Ortsschild Bernau am Horizont zu sehen war, wusste mein Sohn zum Glück nicht, dass noch vier Kilometer vor uns lagen und grinste. Mit jedem Tritt klang mein Mantra im Rythmus des Tretens in meinen Gedanken - in einer Parallelwelt zum Barnim. 

Nanu, plötzlich hörte ich meinen Sohn wieder Pfeifen wie zu Beginn. Er erkannte die Umgebung, die er mit seiner Tante schon häufiger erkundet hatte und setzte sich nun den letzten Kilometer an die Spitze von uns Radlern und führte uns zielsicher bis zur Wohnung seiner Tante. Dort stellte er die Regel auf, die Wohnung heute nicht mehr verlassen zu müssen bei Pizza, Chips und Ice Age 2. 

Parallelwelt zur Hauptstadt. So war nun meine Zeit gekommen, ich setzte mich aufs Rad in die Bernauer Altstadt und fand bei Ingwer-Orange noch ein Stündchen Zeit für mich alleine. Diese Oasen im Alltag sind es, die mir neue Energie geben. Ich denke an die Zeit in Georgien, oft ging uns der Alltag in Berlin dort durch den Kopf. Auch in einer Art Parallelwelt zur Hauptstadt. Der Puls Berlins, der Tonus des Arbeitsalltags mit Kind. Wie glücklich man sich zählen kann, Detoxphasen im Alltag oder Urlaub schaffen zu können. Alleine sein. Das ist wahrer Luxus.

Sandra


Mietwagen versus Öffis

26/05/2022


Als ich gestern ganz still auf der Yogamatte lag, ging ich nochmal jede einzelne Station in Georgien gedanklich durch. Ich erschrak ein wenig.

Tbilisi und Kutaisi waren in meinem gedanklichen Fotoalbum so gut wie die einzigen Stationen, die wir zu Fuß durchgequert hatten. Ungefähr zur Mitte der Reise bemerkte ich an meiner Fußsehne eine Verdickung. Sie war nicht tastbar, aber gefühlt doch da. Zurück in Berlin verschwand sie langsam. Im Nachhinein kann ich mir ihr Entstehen nur durch meinen ausgestreckten Fuß auf dem Beifahrersitz während stundenlanger Autofahrten erklären. Versteht mich nicht falsch. Ich habe die komfortable Lage im Mietwagen sehr genossen – zumal ich mich wirklich die ganze Zeit zurücklehnen konnte und Sandra gefahren ist. Sie hat uns durch den Verkehr von Tbilisi, die Flüsse im Vashlovani Nationalpark und über sämtliche Offroad-Straßen manövriert und das alles mit einer stoischen Ruhe. Dafür bin ich noch jetzt dankbar.

Aber ich habe mich gestern gefragt, ob wir wirklich so wenig in Georgien gelaufen sind und ja, das sind wir. Sandra und ich sind normalerweise die Fraktion „Chicken bus“ (ehemaliger US-Schulbus, der nun in Mittelamerika als öffentliches Verkehrsmittel eingesetzt wird und immer voller als voll ist) inklusive Aussteigen im Nirgendwo und die restlichen sechs Kilometer laufen wir dann. Für unseren Georgien-Trip hatten wir uns ja wegen Corona bewusst für einen Mietwagen und gegen öffentliche Verkehrsmittel entschieden.

Aber, und das muss ich im Nachhinein sagen, man wird durch ein Auto auch bequem. Gut, dass wir in Berlin keins mehr haben;-). In Stepanzminda unterhalb des Kazbegi zum Beispiel sind wir überhaupt nicht durch den Ort gelaufen, sondern nur mit dem Lada gecruist. Auf der Suche nach einem Restaurant (und dann doch zweimal im Panorama Kazbegi gelandet), nach einem Supermarkt, nach irgendetwas Spannendem (haben wir nicht gefunden, aber hier war halt die Landschaft das Highlight). Unser Haus war ja im Ortsteil Gergeti das letzte Haus vor der Auffahrt zur Dreifaltigkeitskirche und so hätten wir schon einen Marsch von etwa 15 Minuten bis zum Ortskern vor uns gehabt. Aber hey, bei früheren Reisen haben wir ganze Busrouten erlaufen, weil sonntags der entsprechende Bus nicht fuhr und wir trotzdem ans Ziel kommen wollten.

Der Vashlovani Nationalpark bot sich ohnehin nicht zum Laufen an – zu weite Distanzen und zu viele aggressive Hirtenhunde. Doch ansonsten denke ich mir, dass wir ja zumindest in kleine(ren) Orten wie Dedopliszqaro oder Udabno mal eine Runde hätten laufen können. Stattdessen sind wir ins Auto gestiegen und wie schon erwähnt „gecruist“ oder gleich im Liegestuhl für den restlichen Abend liegen geblieben. Aber gut, in diesen Momenten hat es sich richtig angefühlt und war vielleicht gerade für uns, die wir ansonsten nicht viel Auto fahren, genau das Richtige. 

In diesem Sinne kann ich sagen: Ein Mietauto ist komfortabel und bringt einen in die entlegensten Winkel eines Landes. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuß lassen sich nicht alle Ecken erreichen, aber man ist näher an den Leuten dran und letztendlich auch mehr auf den Beinen. Ob wir wohl beim nächsten Mutti-Detox wieder Team Mietwagen oder eher wieder Team Öffis sind?

Tina

Was nach unserer Reise geschah


7/5/22

Ich öffne die Tür. Es ist still in unserer Wohnung. Meine Beiden sind noch bei Oma und Opa und werden erst am frühen Abend eintrudeln.

Die zwei Tinas. Ich hätte mich mental besser darauf vorbereiten sollen. Ich kenne mich. Es gibt mein Ich auf Reisen: Unbeschwert, lässig, bereit für Abenteuer („lass uns lieber offroad fahren!“) und es gibt mein „alter Ego“ zuhause: Wachsamer Blick, greisend danach, was als Nächstes zu tun ist, immer fünf To-Dos im Kopf. So geht es gleich wieder los. Statt Frühstück in der Morgensonne aufm Balkon (wir sind ja schon um 9 Uhr früh gelandet), renne ich mit einem Wischlappen durch die Wohnung. Einkaufen muss ich ja auch noch!

Im Urlaub ist immer alles so anders.
In diesem Moment schreibt mir mein Mann, dass sie zwei Stunden früher am Hauptbahnhof sein werden. Ein kurzes Panikgefühl steigt in mir auf. War nicht bis vor wenigen Stunden der Weg das Ziel? Der dänische Tramper, unser Abend im „Sisters“ in Kutaisi…wo ist mein Gefühl von Unbeschwertheit geblieben? Gleichzeitig der Ärger über mich selbst: Warum bin ich so ein Putzteufel? Warum kann ich mich so schwer zurücklehnen? Beziehungsweise sogar die Frage, warum im Urlaub immer alles so anders ist als zuhause? Erst recht natürlich in einem Urlaub, in dem man nur für sich selbst sorgen muss.

Ab und zu vom Mama-Dasein aussteigen. Nächstes To-Do: Kollwitzmarkt. Wir brauchen Essen und ich brauche jemanden zum Reden. Da ist unsere Lieblingskäseverkäuferin genau die Richtige: „Sanni, ich war vor sechs Stunden noch in Georgien!“ - endlich kann ich jemandem meine Reiseerlebnisse erzählen. Es ist wenig los und der Käsestand lauscht meiner Alleinunterhaltung. Das tut gut. Auch meine Eltern sind wenig später dankbare „Abnehmer“ am Telefon. Noch einmal tief durchatmen und dann ab zum Bahnhof. Als ich die Treppe hocheile, fährt der ICE schon ein. Da sind sie, mein Mann und mein Kind. Wie vertraut und unwirklich alles für einen kurzen Augenblick ist. „Mama, weißt Du…?!“ Nun bin ich wieder Mama. Und das ist gut so. Aber genauso gut ist es, ab und zu vom Mama-Dasein auszusteigen. Ob für zwei Stunden beim Friseur oder für zehn Tage in Georgien. Das ist so wichtig - zumindest für mich. Einfach mal nur wieder für mich selbst verantwortlich zu sein, vom Ausschlafen können mal ganz abgesehen.

Puffer einbauen. Was ich bei meiner Rückkehr anders machen würde: Etwas mehr Puffer alleine einplanen oder schauen, dass die Familie sowieso da ist und man als Reiserückkehrer nicht für den Einkauf verantwortlich ist. Aber sowas lässt sich ja nicht immer timen. Generell ist die Diskrepanz zwischen Mutti-Detox und Familienalltag natürlich riesig. Mir ist auch aufgefallen, wie schwierig es für die Daheimgebliebenen ist, sich in die für einen selbst witzigen und absurden Situationen hineinzufühlen. Vieles lässt sich einfach im Nachhinein und mit Worten schwierig wiedergeben.

Nun sind wir also seit zwei Wochen wieder zuhause. Zum Glück hatte Sandra vor gut einer Woche zum Grillen geladen und bei Sekt und Badridschani (Aubergine mit Walnusspaste) konnten wir unsere Erlebnisse nochmal richtig schön auf dem Tisch ausbreiten. Ansonsten weiß ich, dass Georgien es mir angetan hat. Sehr sogar. Gestern beim Treffen mit meiner Kollegin sagte ihr Mann: „Oh, da würde ich gerade aber nicht hinfahren!“ Er hatte verpasst, dass wir gerade schon dort waren. Ich kann mich nur wiederholen: Solange das Auswärtige Amt nicht warnt, alle gesund sind und der Flieger fliegt, komme ich wieder - und zwar sobald wie möglich!

Tina